Tertium non datur.
Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate
Tertium non datur.
Autor: unbekannt
Herkunft
Das Prinzip des ausgeschlossenen Dritten, wie es in der lateinischen Formel "Tertium non datur" zum Ausdruck kommt, ist kein Sprichwort im volkstümlichen Sinne, sondern ein fundamentaler Grundsatz der klassischen Logik. Seine Wurzeln liegen in der antiken griechischen Philosophie. Aristoteles formulierte dieses logische Gesetz in seiner metaphysischen Schrift. Er legte damit den Grundstein für ein Denkprinzip, das die abendländische Philosophie und Wissenschaft über zwei Jahrtausende prägen sollte. Die prägnante lateinische Fassung selbst ist die Übersetzung und Verdichtung dieses aristotelischen Gedankens durch die mittelalterlichen Scholastiker, die das griechische Erbe ins Lateinische übertrugen und systematisieren.
Diese Passage aus Aristoteles' "Metaphysik" umschreibt den Kern: Von zwei einander widersprechenden Aussagen muss eine wahr und die andere falsch sein. Ein Drittes, eine weitere Möglichkeit, gibt es nicht. Der Kontext ist stets der der formalen Logik und der philosophischen Prinzipienlehre, nicht der der alltäglichen Lebensweisheit.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich übersetzt bedeutet "Tertium non datur": "Ein Drittes ist nicht gegeben" oder "Ein Drittes gibt es nicht". Übertragen steht dieser Satz für das logische Prinzip, dass zwischen zwei sich gegenseitig ausschließenden Gegensätzen keine dritte, alternative Möglichkeit existiert. Es handelt sich um ein binäres Entweder-Oder-Schema. Ein klassisches Beispiel ist die Aussage "Dieses Objekt ist entweder ganz rot oder es ist nicht ganz rot". Ein Zustand wie "teilweise rot" fällt logisch unter "nicht ganz rot", sodass kein wahrhaft dritter, gleichwertiger Status neben den beiden Konträren möglich ist.
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, das Prinzip auf komplexe Lebenssituationen oder moralische Dilemmata anzuwenden und zu behaupten, es gäbe immer nur Schwarz oder Weiß. Das logische Gesetz bezieht sich jedoch streng auf definitorisch klare, sich kontradiktorisch widersprechende Aussagen. Im alltäglichen Leben, wo Nuancen, Grauzonen und neue Perspektiven entscheidend sind, ist seine direkte Anwendung oft ein Zeichen von vereinfachendem Denken. Die Lebensregel dahinter ist weniger eine Handlungsanweisung, sondern vielmehr eine Denkdisziplin: Sie fordert zur Klarheit und Eindeutigkeit in der Begriffsbildung auf, bevor man urteilt.
Relevanz heute
Die Relevanz dieses Prinzips ist in der heutigen Zeit nach wie vor immens, allerdings in sehr spezifischen Bereichen. In der Informatik und Digitaltechnik bildet das binäre System, das auf den Zuständen 0 und 1 basiert, die physische Grundlage aller Datenverarbeitung – hier gilt tatsächlich "tertium non datur". In der formalen Logik, Mathematik und analytischen Philosophie bleibt es ein unverzichtbares Axiom. In der Alltagssprache wird der lateinische Ausdruck oft verwendet, um eine scheinbar unausweichliche Entscheidungssituation zu betonen oder um jemanden zu kritisieren, der in einem falschen Entweder-Oder-Denken verharrt.
Eine direkte deutsche Version des Sprichwortes, die heute noch verwendet wird, lautet "Es gibt kein Drittes" oder die Aussage "Ein Drittes gibt es nicht". Sie wird beispielsweise in Diskussionen oder in der politischen Rhetorik benutzt, um Alternativlosigkeit zu suggerieren. Die Brücke zur Gegenwart zeigt somit eine Spannung: Während das Prinzip in der Technik triumphierte, wurde sein absoluter Geltungsanspruch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, etwa im Konstruktivismus oder in mehrwertigen Logiken, kritisch hinterfragt. Die moderne Welt erkennt sowohl die Kraft als auch die Grenzen dieses binären Schemas.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit des Prinzips "Tertium non datur" wird aus wissenschaftlicher und philosophischer Sicht nicht mehr uneingeschränkt bestätigt. In der klassischen Physik und im makroskopischen Alltag gilt es nach wie vor als robustes Denkgesetz. Die moderne Quantenphysik jedoch stellt es in bestimmten Interpretationen fundamental infrage. Ein Teilchen in einer Superposition, etwa im berühmten Gedankenexperiment von Schrödingers Katze, befindet sich in einem Zustand, der weder "lebendig" noch "tot" im klassischen Sinne ist, sondern eine Überlagerung beider Möglichkeiten darstellt, bis eine Messung den Zustand festlegt.
In der Logik selbst wurden Systeme wie die intuitionistische Logik entwickelt, die dieses Gesetz nicht als allgemeingültig anerkennen. Für einen Intuitionisten ist eine Aussage nur dann wahr, wenn ein Beweis für sie konstruiert werden kann. Daher kann der Satz "A oder nicht A" nicht als immer wahr anerkannt werden, wenn für weder A noch seine Verneinung ein konstruktiver Beweis vorliegt. Der wissenschaftliche Check führt also zu einem differenzierten Bild: Als normatives Prinzip des klaren Denkens ist es unschätzbar wertvoll. Als Beschreibung aller denkbaren Realitäten, insbesondere im subatomaren Bereich oder in den Grenzen formaler Systeme, ist seine absolute Gültigkeit widerlegt. Es handelt sich um eine kraftvolle, aber nicht universelle Konvention des menschlichen Verstandes.
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