Non omnibus unum est quod placet!
Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate
Non omnibus unum est quod placet!
Autor: unbekannt
Herkunft
Das Sprichwort "Non omnibus unum est quod placet!" stammt aus einem der bedeutendsten Werke der römischen Literatur, den "Satiren" des Dichters Horaz. Genauer gesagt findet es sich im ersten Buch, in der ersten Satire, die als programmatische Einleitung gilt. Horaz schrieb diese Satiren um 35 v. Chr. und reflektiert darin in einem lockeren, gesprächsähnlichen Ton über menschliche Schwächen und gesellschaftliche Zustände. Der Kontext ist eine Diskussion über die unterschiedlichen Lebensziele der Menschen. Während der eine Reichtum anstrebt, sucht der andere Muße, und wieder ein anderer findet sein Glück in schlichter Hausmannskost. Aus dieser Beobachtung leitet Horaz die allgemeine Erkenntnis ab.
Die vollständige Zeile lautet übersetzt: "Nicht allen gefällt ein und dasselbe; dies ist einer von vielen Gründen." Horaz stellt damit fest, dass die Vielfalt der menschlichen Vorlieben ein grundlegender und völlig normaler Zustand ist.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich übersetzt bedeutet der Ausspruch: "Nicht allen ist dasselbe ein Gefallen" oder freier: "Nicht allen gefällt ein und dasselbe." Die übertragene Bedeutung geht jedoch weit über bloße Geschmacksfragen hinaus. Das Sprichwort erkennt die grundlegende Subjektivität menschlicher Erfahrung an. Was für den einen erstrebenswert, schön oder richtig ist, kann für den anderen völlig unattraktiv sein. Die dahinterstehende Lebensregel ist eine Aufforderung zur Toleranz und zum Verständnis. Sie warnt davor, die eigenen Maßstäbe und Vorlieben als allgemeingültig zu betrachten und andere dafür zu verurteilen, dass sie anders denken oder fühlen.
Ein typisches Missverständnis besteht darin, das Sprichwort als Ausrede für Beliebigkeit oder mangelnde Urteilsfähigkeit zu deuten. Das ist nicht die Intention. Horaz konstatiert lediglich eine Tatsache – die natürliche Verschiedenheit der Menschen – ohne damit zu sagen, dass alle Vorlieben gleich gut oder moralisch vertretbar seien. Es geht um die Anerkennung der Unterschiede im Bereich des persönlichen Geschmacks und der Lebensziele, nicht um die Relativierung ethischer Grundsätze.
Relevanz heute
Die Relevanz dieses Sprichworts ist in der modernen, globalisierten und von individueller Selbstverwirklichung geprägten Welt größer denn je. Es findet sich implizit in Diskussionen über Diversität, Inklusion und die "Filterblasen" der sozialen Medien wieder. Die Erkenntnis, dass Menschen unterschiedliche Prioritäten setzen – sei es in Beruf, Partnerschaft, Freizeit oder Politik – ist eine Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Zusammenleben.
Eine direkte deutsche Entsprechung, die heute noch sehr geläufig ist, lautet: "Über Geschmack lässt sich nicht streiten." Diese Version fokussiert sich zwar stärker auf den ästhetischen Bereich, teilt aber den Kerngehalt des lateinischen Originals. In einem erweiterten Sinne könnte man auch den Spruch "Jeder ist seines Glückes Schmied" heranziehen, der die individuelle Verantwortung für die Wahl des Lebensweges betont. In Debatten wird das Horaz-Zitat oft verwendet, um zu argumentieren, dass es keine Einheitslösung für komplexe gesellschaftliche Fragen geben kann und dass politische oder pädagogische Konzepte die Vielfalt der Menschen berücksichtigen müssen.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Die Aussage des Sprichworts wird durch zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen gestützt. Die Psychologie beschäftigt sich intensiv mit Persönlichkeitsunterschieden, die durch Modelle wie die "Big Five" beschrieben werden. Diese grundlegenden Dimensionen wie Offenheit für neue Erfahrungen oder Gewissenhaftigkeit prägen maßgeblich, was uns gefällt und anzieht. Die Neurowissenschaft zeigt, dass selbst die Wahrnehmung von scheinbar objektiven Reizen wie Farben oder Geschmäckern von Person zu Person aufgrund subtiler neuronaler Verschaltungen variieren kann.
Die Soziologie und Kulturwissenschaft unterstreichen, dass Vorlieben stark durch Sozialisation, kulturellen Hintergrund und Milieu geprägt sind. Was in der einen Gesellschaft als delicatesse gilt, kann in einer anderen auf Abscheu stoßen. Selbst innerhalb einer Familie können die Geschmäcker extrem auseinandergehen. Moderne Erkenntnisse aus der Verhaltensökonomie bestätigen zudem, dass Menschen Entscheidungen auf Basis höchst subjektiver Nutzenvorstellungen treffen. Damit widerlegen sie die Annahme eines rein rationalen, für alle gleichen "Homo Oeconomicus". Insofern wird die antike Weisheit des Horaz durch die moderne Forschung nicht nur bestätigt, sondern sogar noch vertieft und präzisiert. Die Vielfalt ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Merkmal der menschlichen Spezies.
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