Nec scire fas est omnia

Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate

Nec scire fas est omnia

Autor: unbekannt

Herkunft

Das Sprichwort "Nec scire fas est omnia" stammt aus der römischen Literatur und ist ein Zitat des bedeutenden Dichters Horaz. Es findet sich in seinem Werk "Carmina", auch als Oden bekannt, genauer im ersten Gedicht des vierten Buches. Horaz richtet diese Worte an die Göttin Venus, in einem Kontext, in dem er sich wehrt, erneut von Liebesleidenschaft ergriffen zu werden. Der Vers ist eingebettet in eine Reflexion über die Grenzen des menschlichen Wissens und die Notwendigkeit, sich dem göttlichen Willen zu fügen.

Intermissa, Venus, diu
rursus bella moves? Parce precor, precor.
non sum qualis eram bonae
sub regno Cinarae. desine, dulcium
mater saeva Cupidinum,
circa lustra decem flectere mollibus
iam durum imperiis: abi,
quo blandae iuvenum te revocant preces.
tempestivius in domum
Pauli, purpureis ales oloribus,
comissabere Maximi,
si torrere iecur quaeris idoneum.
namque et nobilis et decens
et pro sollicitis non tacitus reis
et centum puer artium
late signa feret militiae tuae,
et, quandoque potentior
largi muneribus riserit aemuli,
Albanos prope te lacus
ponet marmoream sub trabe citrea.
illic plurima naribus
duces tura lyraque et Berecyntia
delectabere tibia
mixtis carminibus non sine fistula;
illic bis pueri die
numen cum teneris virginibus tuum
laudantes pede candido
in morem Salium ter quatient humum.
me nec femina nec puer
iam nec spes animi credula mutui
nec certare iuvat mero
nec vincire novis tempora floribus.
sed cur, heu, Ligurine, cur
manat rara meas lacrima per genas?
cur facunda parum decoro
inter verba cadit lingua silentio?
nocturnis ego somniis
iam captum teneo, iam volucrem sequor
te per gramina Martii
Campi, te per aquas, dure, volubilis.

Die entscheidende Zeile, die zum Sprichwort wurde, folgt unmittelbar auf diesen Abschnitt und lautet vollständig:

... sed cur heu Ligurine cur
manat rara meas lacrima per genas?
cur facunda parum decoro
inter verba cadit lingua silentio?
nocturnis ego somniis
iam captum teneo, iam volucrem sequor
te per gramina Martii
Campi, te per aquas, dure, volubilis.
Nec scire fas est omnia.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich übersetzt bedeutet "Nec scire fas est omnia": "Und es ist nicht erlaubt, alles zu wissen." Das kleine, aber gewichtige Wort "fas" ist hier der Schlüssel. Im römischen Denken bezeichnet "fas" das göttlich Erlaubte, das mit dem höheren Weltgesetz in Einklang Stehende. Es geht also nicht um eine praktische Unmöglichkeit, sondern um eine grundsätzliche, fast ethische Grenze. Die Aussage ist eine demütige Anerkennung, dass das vollständige Begreifen der Welt und ihrer Zusammenhänge dem Menschen von höherer Instanz verwehrt ist.

Übertragen steht das Sprichwort für die Einsicht in die natürlichen Grenzen der menschlichen Erkenntnis. Es ist eine Lebensregel gegen Hybris, gegen den allwissenden Anspruch. Es mahnt zur Bescheidenheit und dazu, sich mit dem begnügen zu können, was man wissen darf und kann. Ein typisches Missverständnis wäre, es als Ausrede für Faulheit oder mangelnde Neugier zu deuten. Das ist nicht die Botschaft. Horaz beklagt nicht die Unwissenheit, sondern er akzeptiert sie als gottgegebenes Prinzip. Es ist eine Aufforderung, den Fokus auf das Wesentliche und Erreichbare zu legen, anstatt sich an Unergründlichem zu verzehren.

Relevanz heute

Die Relevanz dieses antiken Spruches ist in der modernen, von Informationsflut und dem Anspruch totaler Transparenz geprägten Welt vielleicht größer denn je. Wir sind umgeben von der Illusion, dass alles wissenbar, messbar und zugänglich sei. "Nec scire fas est omnia" wirkt hier als wohltuendes Korrektiv und erinnert an die gesunden Grenzen des Wissens.

Das Sprichwort wird heute oft in philosophischen, theologischen oder wissenschaftstheoretischen Diskussionen zitiert, wenn es um die ethischen und prinzipiellen Schranken der Forschung geht. Es findet aber auch im Alltag Anwendung, etwa als weiser Rat, sich nicht in Details zu verlieren oder akzeptieren zu lernen, dass man nicht auf jede Frage eine Antwort haben muss. Eine direkte deutsche Entsprechung wie "Man kann nicht alles wissen" ist geläufig, verliert jedoch die tiefere, ethische Dimension des "fas" – des Nicht-Erlaubt-Seins. Eine nähere Übersetzung, die diesen Aspekt bewahrt, wäre "Es steht dem Menschen nicht zu, alles zu wissen".

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Aus wissenschaftlicher und philosophischer Perspektive erweist sich die Aussage als erstaunlich robust. Die moderne Erkenntnistheorie und selbst die Physik stützen in gewisser Weise die horazische Einsicht. Das Prinzip der Unschärfe in der Quantenphysik oder Gödels Unvollständigkeitssätze in der Mathematik zeigen fundamentale Grenzen des Wissens und der Messbarkeit innerhalb ihrer eigenen Systeme auf.

In der Psychologie ist bekannt, dass exzessives Streben nach Kontrolle und vollständigem Wissen zu Stress und Entscheidungslähmung führen kann. Die bewusste Akzeptanz von Ungewissheit ist oft ein Schlüssel zu mentaler Gesundheit und handlungsfähigem Pragmatismus. Somit wird der allgemeine Anspruch des Sprichworts weniger widerlegt als vielmehr bestätigt. Es formuliert eine zeitlose Wahrheit über die conditio humana: Der Mensch ist ein erkennendes Wesen, aber seine Erkenntnis ist notwendigerweise begrenzt und fragmentarisch. Die wahre Weisheit liegt nicht im Ansammeln von Fakten, sondern im klugen Umgang mit dem, was man nicht wissen kann.

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