Dies ater
Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate
Dies ater
Autor: unbekannt
Herkunft
Der Ausdruck "Dies ater" stammt nicht aus der klassischen Sprichwortliteratur, sondern ist ein fester terminus technicus aus dem römischen Kalender- und Rechtswesen. Wörtlich übersetzt bedeutet er "schwarzer Tag". Seine erste belegte und prägende Verwendung findet sich in den Werken des römischen Dichters und Gelehrten Marcus Terentius Varro aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. In seinem bedeutenden Werk "De Lingua Latina" erklärt er die Einteilung der Tage und führt dabei den "dies ater" als einen Unglückstag ein, an welchem keine öffentlichen Geschäfte oder religiösen Handlungen vorgenommen werden sollten. Der Kontext ist somit rein kultisch und staatlich.
Varro präzisiert, dass ein solcher Tag so genannt wird, weil an ihm keine öffentlichen Opferhandlungen stattfinden, da er in irgendeiner Hinsicht als nicht glückverheißend gilt. Die bekanntesten "dies atri" im römischen Kalender waren die Tage nach den Kalenden, Nonen und Iden jedes Monats, die als Unglückstage galten. Besonders berüchtigt war der 24. August, der Jahrestag der verheerenden römischen Niederlage in der Schlacht von Cannae gegen Hannibal im Jahr 216 v. Chr.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich bedeutet "Dies ater" einfach "schwarzer Tag". Die Farbe Schwarz symbolisierte in der römischen Kultur Trauer, Tod und Unheil. Übertragen bezeichnet die Wendung daher einen Tag des Pechs, des Unglücks oder des allgemeinen Missgeschicks. Es handelt sich weniger um eine Lebensregel als vielmehr um eine klare Kennzeichnung. Der Begriff war eine offizielle Klassifizierung innerhalb des staatlichen Kalendersystems.
Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, es handele sich um ein allgemeines Sprichwort, das man im täglichen Gespräch für jeden beliebigen schlechten Tag verwendet hätte. In Wahrheit war der Begriff spezifisch und institutionell. Ein weiterer Irrtum wäre die Gleichsetzung mit dem deutschen "Schwarzer Freitag", der sich auf Börsencrashs bezieht. Während der römische "dies ater" vorherbestimmt und rituell war, beschreibt der moderne Begriff ein unerwartetes, singuläres wirtschaftliches Desaster.
Relevanz heute
Die direkte lateinische Phrase "Dies ater" wird im heutigen deutschen Sprachgebrauch praktisch nicht mehr aktiv verwendet. Ihre Relevanz besteht vor allem im historischen und philologischen Verständnis. Allerdings lebt das zugrundeliegende Konzept und die bildhafte Übersetzung weiter. Die Redewendung "ein schwarzer Tag" ist im Deutschen nach wie vor geläufig und beschreibt einen Tag, an dem besonders viel schiefgeht oder an dem ein schwerwiegendes Unglück geschieht.
Man sagt beispielsweise, für eine Mannschaft sei ein bestimmtes Spiel "ein schwarzer Tag" gewesen, oder für eine Behörde sei der Tag eines großen Skandals ein "schwarzer Tag". Damit hat sich die Bedeutung von einem vorherbestimmten, rituellen Unglückstag zu einer retrospektiven Bewertung eines besonders unglücklichen Tages gewandelt. Die Brücke zur Antike schlägt dabei die ungebrochene Symbolkraft der Farbe Schwarz für Negatives.
Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check
Der Anspruch des "Dies ater" ist nicht empirischer, sondern kulturell-religiöser Natur. Die Römer glaubten an die Einflussnahme der Götter auf bestimmte Tage und strukturierten ihr öffentliches Leben danach. Aus moderner, wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Belege dafür, dass vorherbestimmte Kalendertage systematisch mehr Unglück bringen als andere. Statistiken zu Unfällen, persönlichen Missgeschicken oder historischen Niederlagen zeigen keine Häufung an bestimmten, immer wiederkehrenden Daten.
Die Psychologie kennt jedoch den Effekt der selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn man fest an einen Unglückstag glaubt, kann diese Erwartungshaltung tatsächlich zu vorsichtigerem, ängstlicherem Verhalten führen oder dazu, dass man kleine Rückschläge an diesem Tag überproportional wahrnimmt und ihnen eine größere Bedeutung beimisst. In diesem Sinne wird der "Dies ater" nicht durch objektive Fakten bestätigt, aber der menschliche Glaube daran kann subjektive Realitäten schaffen. Die moderne Wissenschaft widerlegt also die objektive Existenz solcher Tage, erklärt aber die subjektive Erfahrung.
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