De gustibus non est disputandum.

Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate

De gustibus non est disputandum.

Autor: unbekannt

Herkunft

Die geläufige Form des Sprichworts ist eine verkürzte und vereinfachte Version eines längeren lateinischen Satzes. Seine Wurzeln reichen bis in die mittelalterliche Scholastik zurück. Der vollständige Gedanke findet sich in den Schriften des Gelehrten und Theologen Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert. In seiner berühmten Summa Theologica diskutiert er Fragen des Geschmacks und der Vorlieben und formuliert dabei den Grundsatz, der später zum geflügelten Wort wurde.

de gustibus non est disputandum, de coloribus autem et sensibilibus est disputandum

Die wörtliche Übersetzung dieses längeren Zitats lautet: "Über Geschmäcker ist nicht zu streiten, über Farben und Sinneswahrnehmungen jedoch schon." Der Kontext ist philosophisch: Thomas von Aquin unterscheidet zwischen rein subjektiven Sinneseindrücken, bei denen eine Diskussion sinnlos ist, und objektiver beurteilbaren Qualitäten. Die verkürzte Form "De gustibus non est disputandum" etablierte sich später als eigenständiges Sprichwort in der europäischen Gelehrten- und Umgangssprache.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich übersetzt bedeutet der Satz: "Über Geschmäcker soll man nicht streiten" oder "Über Geschmack lässt sich nicht disputieren". Die übertragene Bedeutung geht weit über kulinarische Vorlieben hinaus. Das Sprichwort bringt die Einsicht zum Ausdruck, dass persönliche Vorlieben und Abneigungen subjektiv sind und sich einer rationalen Debatte entziehen. Die dahinterstehende Lebensregel empfiehlt Toleranz: Man sollte andere Meinungen in reinen Geschmacksfragen akzeptieren und fruchtlose Streitereien vermeiden.

Ein häufiges Missverständnis liegt in der Anwendung des Spruchs. Es wird oft fälschlicherweise als Ausrede benutzt, um jede Art von Kritik oder Diskussion abzublocken, selbst dort, wo durchaus objektive Maßstäbe existieren. Thomas von Aquins ursprüngliche, differenzierende Fassung zeigt jedoch, dass er sehr wohl zwischen subjektivem Geschmack und objektiv diskutierbaren Qualitäten unterscheiden wollte. Das Sprichwort gilt also nicht für handwerkliche Qualität, technische Fehler oder ethische Bewertungen, sondern wirklich für die unmittelbare, persönliche Präferenz.

Relevanz heute

Das lateinische Sprichwort ist heute lebendiger denn je. Es wird ständig in Alltagsgesprächen, in journalistischen Kommentaren und in der Werbung verwendet, um zu signalisieren, dass man unterschiedliche Meinungen akzeptiert. Seine größte Stärke liegt in seiner universellen Anwendbarkeit. Ob es um Musikstile, Kleidermode, Inneneinrichtung, Filmgeschmack oder eben tatsächlich um Essen geht, der Spruch beendet elegant viele Debatten.

Eine gängige deutsche Entsprechung lautet: "Über Geschmack lässt sich nicht streiten." Daneben existieren viele Varianten wie "Jeder hat seinen eigenen Geschmack" oder "Geschmackssachen sind streitsachen". Die lateinische Version wirkt jedoch nach wie vor gebildeter und pointierter. In einer Zeit, die von individueller Selbstverwirklichung und der Vielfalt von Lebensstilen geprägt ist, hat der Appell zur Toleranz in subjektiven Belangen eine hohe aktuelle Bedeutung. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in der digitalen Welt nieder, wo in Foren und sozialen Medien oft auf diesen Grundsatz verwiesen wird, um hitzige, aber letztlich substanzlose Diskussionen zu beenden.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Moderne Erkenntnisse aus Psychologie, Neurowissenschaft und Soziologie bestätigen den Kern des Sprichworts in bemerkenswerter Weise, aber sie fügen auch wichtige Nuancen hinzu. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Geschmacksempfindungen stark von angeborenen Prädispositionen, kultureller Prägung, individuellen Erfahrungen und sogar genetischen Faktoren beeinflusst werden. Was einer Person als angenehm erscheint, kann für eine andere abstoßend sein. In diesem rein subjektiven Sinne ist eine Streitfrage tatsächlich müßig.

Allerdings widerlegen dieselben Wissenschaften die absolute Gültigkeit des Spruchs. Geschmack ist nicht vollkommen willkürlich. Es gibt messbare, biologische Grundlagen, etwa die angeborene Abneigung gegen bittere Geschmäcker, die oft auf Gift hindeuten, oder die Vorliebe für Süßes und Fettiges als evolutionärer Energielieferant. Zudem ist Geschmack erlern- und formbar. Experten können durch Ausbildung und Erfahrung differenziertere Urteile fällen, über die sich sehr wohl sachlich diskutieren lässt. Die moderne Wissenschaft zeigt also ein differenziertes Bild: Während die subjektive Endpräferenz nicht disputierbar ist, lassen sich die zugrundeliegenden Mechanismen, Qualitäten und kulturellen Muster sehr wohl objektiv erforschen und besprechen.

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