Contraria contrariis curantur!

Kategorie: Lateinische Sprichwörter und Zitate

Contraria contrariis curantur!

Autor: unbekannt

Herkunft

Dieser prägnante lateinische Ausspruch ist kein klassisches Sprichwort im volkstümlichen Sinne, sondern ein zentrales Axiom der antiken und frühneuzeitlichen Medizin. Seine Wurzeln liegen in der Humoralpathologie, der Säftelehre, die auf Hippokrates von Kos zurückgeht und später von Galenos von Pergamon systematisiert wurde. Die erste eindeutige und formulierte Fassung des Prinzips findet sich jedoch nicht bei diesen griechischen Ärzten, sondern in den Schriften des römischen Enzyklopädisten Aulus Cornelius Celsus. In seinem monumentalen Werk "De Medicina" beschreibt er therapeutische Grundsätze.

Ubi multus umor est, isque corruptus, inutilis, ibi siccandum est: ubi siccitas, ibi umectandum. Sic et in ceteris contraria contrariis medentur.

Hier legt Celsus dar, dass Feuchtes zu trocknen und Trockenes zu befeuchten sei. Er fasst zusammen, dass im Übrigen Gegensätzliches mit Gegensätzlichem geheilt werde. Dieser Satz wurde zum fundamentalen Therapiegesetz der abendländischen Medizin für fast zwei Jahrtausende. Das Prinzip beherrschte das medizinische Denken bis weit in die Neuzeit hinein und prägte Behandlungen wie den Aderlass bei Fieber oder die Gabe von "wärmenden" Mitteln bei "kalten" Krankheiten.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich übersetzt bedeutet der Satz: "Gegensätze werden durch Gegensätze geheilt." Die dahinterstehende Lebens- oder vielmehr Heilregel ist simpel und symmetrisch: Jede Krankheit wird als ein Ungleichgewicht der Körpersäfte oder -qualitäten verstanden. Erscheint eine Krankheit durch ein Übermaß an einer bestimmten Eigenschaft, etwa "Kälte" oder "Feuchtigkeit", so muss der Heiler das exakt entgegengesetzte Mittel anwenden, also "Wärme" oder "Trockenheit", um die Balance wiederherzustellen.

Ein typisches Missverständnis liegt in der Annahme, es handele sich um eine allgemeine Lebensweisheit für zwischenmenschliche Konflikte. Während man den Satz metaphorisch in solchen Kontexten verwenden könnte, ist sein ursprünglicher und strenger Sinn ausschließlich therapeutisch. Ein weiteres Missverständnis wäre, es handle sich um ein universelles Naturgesetz. Es ist vielmehr ein spezifisches dogmatisches Prinzip einer bestimmten historischen medizinischen Schule, das den Anspruch erhob, universell gültig zu sein.

Relevanz heute

In der modernen wissenschaftlichen Medizin ist das Prinzip in seiner ursprünglichen Form obsolet. Die Vorstellung, dass man Fieber durch Kälte oder eine Entzündung durch Kühlmittel "gegensätzlich" kuriert, greift zu kurz und entspricht nicht den komplexen pathophysiologischen Abläufen. Die moderne Therapie zielt auf spezifische Ursachen wie Krankheitserreger oder Stoffwechselstörungen ab, nicht auf pauschale Gegensatzpaare.

Dennoch lebt der Satz in zwei Bereichen fort. Erstens ist er ein geflügeltes Wort in der Homöopathie, wo er jedoch als konträres Prinzip genannt wird. Samuel Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, postulierte stattdessen "similia similibus curentur" (Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt) als Gegenentwurf zur damals herrschenden Schulmedizin. Zweitens findet sich eine deutsche Version in der Alltagssprache: "Gegensätze heilen Gegensätze" oder die Frage "Heilt man Gegensätze wirklich mit Gegensätzen?". Es wird oft in übertragenem Sinne verwendet, etwa in der Psychologie oder bei Konfliktlösungsstrategien, wo man einer extremen Haltung eine gemäßigte entgegensetzen möchte.

Wahrheitsgehalt / Wissenschaftlicher Check

Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht hält das Prinzip einer kritischen Überprüfung nicht stand. Die zugrundeliegende Humoralpathologie mit ihren vier Säften und Qualitäten ist ein überholtes, nicht evidenzbasiertes Modell. Viele Therapien, die nach diesem Prinzip durchgeführt wurden, wie exzessive Aderlässe, erwiesen sich als schädlich oder sogar tödlich, weil sie die tatsächliche Krankheitsursache nicht adressierten und den Patienten zusätzlich schwächten.

Die moderne Pharmakologie und Therapie funktionieren nur selten nach einem simplen Gegensatz-Prinzip. Ein Antibiotikum bekämpft Bakterien, es stellt nicht eine abstrakte "Kälte" einer "Hitze" entgegen. Ein blutdrucksenkendes Mittel reguliert komplexe physiologische Mechanismen. Dort, wo oberflächlich ein Gegensatz zu wirken scheint – wie ein Kühlspray bei einer Verstauchung –, ist die Wirkung eher symptomatisch (Schmerzlinderung, Abschwellung) und nicht kurativ im Sinne der Säftelehre. Der wissenschaftliche Check fällt daher eindeutig aus: Das Prinzip ist historisch bedeutsam, aber als allgemeingültige medizinische Wahrheit widerlegt.

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